Während viele Menschen im Alltag auf Nachhaltigkeit achten, fair einkaufen oder klimafreundlich leben möchten, wird ein Bereich oft übersehen: die eigene Geldanlage und nachhaltiges Investieren.
Denn wer sein Geld in einen ETF oder Fonds investiert, wird automatisch Miteigentümer von Hunderten oder sogar Tausenden Unternehmen. Darunter können sich Konzerne befinden, die Waffen herstellen, fossile Energien fördern oder wegen fragwürdiger Arbeitsbedingungen in der Kritik stehen. Die Frage liegt also auf der Hand: Kann man erfolgreich investieren und gleichzeitig Verantwortung für Umwelt und Gesellschaft übernehmen?
Genau hier setzen nachhaltige Geldanlagen an. Sie versprechen, finanzielle Ziele mit ethischen und ökologischen Werten zu verbinden. Doch funktioniert das wirklich? Oder handelt es sich am Ende nur um geschicktes Marketing und sogenanntes Greenwashing?
In diesem Artikel schauen wir uns an, wie nachhaltiges Investieren tatsächlich funktioniert, welche Rolle die Begriffe ESG und SRI spielen, welche Unternehmen in nachhaltigen ETFs landen und ob Anleger dafür bei der Rendite Abstriche machen müssen.
Außerdem werfen wir einen Blick auf den Vergleich zwischen dem klassischen MSCI World und seinem nachhaltigen Pendant, mit einigen überraschenden Ergebnissen.
Alle Fragen auf einen Blick
Was bedeutet nachhaltiges Investieren überhaupt?
Viele Anleger möchten Unternehmen vermeiden, die:
- Waffen herstellen
- Menschenrechte verletzen
- Umweltzerstörung fördern
- Korruption unterstützen
- Kinderarbeit tolerieren
Stattdessen soll das Geld in Unternehmen fließen, die Verantwortung für Umwelt und Gesellschaft übernehmen. Grundsätzlich gibt es dafür verschiedene Möglichkeiten.
Direktinvestitionen
Man kann direkt in nachhaltige Projekte investieren, beispielsweise:
- Solarparks
- Windkraftanlagen
- Umweltprojekte
- Sozialunternehmen
Diese Variante kann allerdings riskant sein. Scheitert ein Projekt, drohen hohe Verluste.
Nachhaltige Fonds und ETFs
Deutlich beliebter sind nachhaltige Fonds oder ETFs. Hier wird das Kapital auf viele Unternehmen verteilt, wodurch das Risiko sinkt.
Besonders ETFs erfreuen sich großer Beliebtheit, da sie kostengünstig sind und automatisch einen bestimmten Nachhaltigkeitsindex nachbilden.
Die Grundlage nachhaltiger Investments: Die 17 UN-Nachhaltigkeitsziele
Die Vereinten Nationen haben mit ihrer Agenda 2030 insgesamt 17 Ziele für nachhaltige Entwicklung definiert.
Dazu gehören unter anderem:
- Keine Armut
- Kein Hunger
- Gesundheit und Wohlergehen
- Hochwertige Bildung
- Geschlechtergleichheit
- Sauberes Wasser
- Bezahlbare und saubere Energie
- Nachhaltige Städte
- Klimaschutz
- Nachhaltiger Konsum
Viele nachhaltige Investmentprodukte orientieren sich an diesen Zielen und nutzen sie als Grundlage für ihre Auswahlprozesse.
ESG – Die drei Säulen nachhaltiger Geldanlagen
Der Begriff ESG begegnet Anlegern heute nahezu überall. Die Abkürzung steht für:
E = Environmental (Umwelt)
Hier wird untersucht, wie ein Unternehmen mit Umweltfragen umgeht.
Wichtige Kriterien:
- CO₂-Ausstoß
- Energieeffizienz
- Ressourcenschonung
- Einsatz erneuerbarer Energien
- Klimastrategien
- Umweltfreundliche Produktion
S = Social (Soziales)
Hier stehen die Menschen im Mittelpunkt.
Typische Kriterien:
- Faire Arbeitsbedingungen
- Arbeitssicherheit
- Gesundheitsschutz
- Menschenrechte
- Diversität
- Gleichberechtigung
G = Governance (Unternehmensführung)
Dabei geht es um verantwortungsvolle Unternehmensführung.
Wichtige Punkte:
- Korruptionsbekämpfung
- Transparenz
- Unabhängige Kontrollgremien
- Nachhaltigkeitsstrategien im Management
- Faire Vergütungssysteme
ESG bewertet also nicht nur Umweltaspekte, sondern das gesamte Verhalten eines Unternehmens.
Was bedeutet SRI?
Neben ESG taucht häufig auch die Abkürzung SRI (Socially Responsible Investing) auf.
SRI geht meist noch einen Schritt weiter als klassische ESG-Ansätze. Hier werden Unternehmen mit problematischen Geschäftsfeldern konsequent ausgeschlossen.
Dazu gehören häufig:
- Waffenhersteller
- Tabakunternehmen
- Glücksspielanbieter
- Alkoholproduzenten
- Pornografie
- Umstrittene Waffen
- Gentechnik
Während ESG oft bewertet und gewichtet, schließt SRI bestimmte Unternehmen direkt aus.
Wie funktionieren Nachhaltigkeitsfilter?
Nachhaltige Indizes arbeiten mit mehreren Filterstufen.
Erste Stufe: Basisausschlüsse
Bereits hier werden Unternehmen entfernt, die gegen grundlegende Nachhaltigkeitsprinzipien verstoßen.
Zweite Stufe: Erweiterte ESG-Kriterien
Nun werden zusätzliche Kriterien geprüft, beispielsweise:
- Alkohol
- Glücksspiel
- kontroverse Geschäftspraktiken
- Umweltverstöße
Dritte Stufe: Best-in-Class-Ansatz
Jetzt werden nur noch die Unternehmen ausgewählt, die innerhalb ihrer Branche die besten ESG-Werte erreichen.
Dadurch entsteht eine deutlich kleinere Auswahl. Beim MSCI World bleiben beispielsweise von rund 1.600 Unternehmen am Ende nur noch etwa 385 Unternehmen übrig.
MSCI World vs. MSCI World SRI
Ein besonders interessanter Vergleich ist der zwischen dem klassischen MSCI World und dem nachhaltigen MSCI World SRI.
Der klassische MSCI World
- Rund 1.600 Unternehmen
- Industrieländer weltweit
- Sehr breite Diversifikation
Der MSCI World SRI
- Rund 385 Unternehmen
- Strenge Nachhaltigkeitsfilter
- Fokus auf Unternehmen mit hohen ESG-Bewertungen
Der große Unterschied liegt also vor allem in der Auswahl der Unternehmen.
Welche Unternehmen finden sich im MSCI World SRI?
Der nachhaltige Index enthält viele bekannte Unternehmen.
Zu den größten Positionen gehört beispielsweise Microsoft.
Warum gilt Microsoft als nachhaltig?
Microsoft verfolgt seit Jahren ambitionierte Klimaziele.
Das Unternehmen:
- ist bereits seit 2012 CO₂-neutral
- möchte bis 2030 CO₂-negativ werden
- investiert stark in erneuerbare Energien
- reduziert Emissionen entlang der Lieferkette
Solche Maßnahmen sorgen für hohe ESG-Bewertungen.
Und wie nachhaltig ist Tesla?
Tesla wird oft als nachhaltiges Vorzeigeunternehmen betrachtet.
100 % der Fahrzeugbatterien werden wiederverwendet oder recycelt und große Teile der Industriebatterien erneut genutzt.
Dennoch zeigt Tesla auch, wie komplex Nachhaltigkeitsbewertungen sein können. Denn Nachhaltigkeit umfasst weit mehr als nur Elektromobilität.
Die Renditefrage: Muss man auf Gewinne verzichten?
Für viele Anleger ist dies die wichtigste Frage.
Kurzfristige Entwicklung
Im betrachteten Jahr schnitt der MSCI World besser ab:
- MSCI World: -8,45 %
- MSCI World SRI: -10,55 %
- Mittelfristige Entwicklung
Über drei Jahre lag der nachhaltige Index dagegen vorne:
- MSCI World: 28 %
- MSCI World SRI: 34 %
- Langfristige Entwicklung
Seit Auflage des SRI-Index im Jahr 2017 zeigte sich sogar eine leichte Outperformance:
- MSCI World: 62 %
- MSCI World SRI: 75 %
Das bedeutet: Nachhaltiges Investieren führte in diesem Zeitraum nicht zu schlechteren Ergebnissen.
Interessanterweise zeigen andere Untersuchungen, dass ESG-Investments teilweise geringere erwartete Renditen, aber gleichzeitig andere Vorteile wie geringere Nachhaltigkeitsrisiken bieten können. Zudem weisen Experten darauf hin, dass ESG-Bewertungen nicht einheitlich sind und Nachhaltigkeit unterschiedlich definiert wird.
Die Schattenseiten nachhaltiger ETFs
Trotz vieler Vorteile gibt es auch Kritikpunkte:
- Weniger Diversifikation
- Der MSCI World enthält rund 1.600 Unternehmen.
- Der MSCI World SRI nur etwa 385. Dadurch verteilt sich das Risiko auf weniger Unternehmen.
Greenwashing
Nicht jeder nachhaltige ETF ist tatsächlich so nachhaltig, wie es der Name vermuten lässt.
Viele Experten warnen vor sogenanntem Greenwashing. Dabei vermarkten Anbieter Produkte als nachhaltig, obwohl die tatsächlichen Kriterien wenig streng sind. Transparenz und genaue Prüfung der ETF-Zusammensetzung sind deshalb besonders wichtig.
Unterschiedliche ESG-Bewertungen
Ein weiteres Problem; verschiedene Ratingagenturen bewerten dieselben Unternehmen teilweise völlig unterschiedlich.
Ein Unternehmen kann bei einer Agentur als nachhaltig gelten und bei einer anderen deutlich schlechter abschneiden. Nicht alle Unternehmen wirken auf den ersten Blick nachhaltig
Ein häufig genanntes Beispiel ist die Fluggesellschaft EasyJet.
Obwohl Flugreisen die Umwelt belasten, kann ein Unternehmen durch gute Mitarbeiterführung oder starke Governance-Werte dennoch in Nachhaltigkeitsindizes landen.
Das zeigt: ESG bewertet viele verschiedene Aspekte gleichzeitig.
Fazit: Lohnt sich nachhaltiges Investieren?
Die Analyse zeigt, dass nachhaltiges Investieren längst keine Nischenlösung mehr ist.
Wer sein Geld verantwortungsvoll anlegen möchte, findet heute zahlreiche ETFs und Fonds, die ökologische, soziale und ethische Kriterien berücksichtigen.
Besonders interessant ist, dass nachhaltige ETFs in den betrachteten Zeiträumen keine gravierenden Renditenachteile gezeigt haben. Teilweise konnten sie sogar besser abschneiden als klassische Vergleichsindizes.
Trotzdem sollten Anleger genau hinschauen. Nicht jeder nachhaltige ETF verfolgt dieselben Kriterien. Außerdem bedeutet Nachhaltigkeit immer auch einen gewissen Kompromiss zwischen Rendite, Diversifikation und persönlichen Wertvorstellungen.
Wer sich intensiv mit den Auswahlkriterien beschäftigt und die Zusammensetzung eines ETFs prüft, kann jedoch eine Geldanlage finden, die sowohl zum eigenen Gewissen als auch zu den finanziellen Zielen passt.
Checkliste: Darauf solltest du bei nachhaltigen ETFs achten
- Welche ESG- oder SRI-Kriterien werden verwendet?
- Welche Branchen werden ausgeschlossen?
- Wie viele Unternehmen sind im ETF enthalten?
- Gibt es Hinweise auf Greenwashing?
- Wie hoch sind die Kosten (TER)?
- Wie transparent sind die Nachhaltigkeitsbewertungen?
- Werden Umwelt-, Sozial- und Governance-Faktoren gleichermaßen berücksichtigt?
- Passt die Anlagestrategie zu deinen persönlichen Werten?
- Ist die Diversifikation ausreichend?
- Wie hat sich der ETF langfristig entwickelt?
Nachhaltiges Investieren kann eine sinnvolle Möglichkeit sein, Vermögensaufbau und persönliche Überzeugungen miteinander zu verbinden, vorausgesetzt, man schaut genauer hin und verlässt sich nicht nur auf das Etikett „nachhaltig“.




